Vom Vergessen


Oktober
Ich gehe jetzt nach Hause. Da ist mein Fernseher. Und meine Küche. Ich habe eine so schöne Küche und im Sommer werde ich auf dem Balkon sitzen und Kaffee trinken. Mit meiner Tochter, wenn sie Mittagspause macht. Und mit meiner Enkelin. Wieso lassen die mich nicht in Ruhe? Ich bin doch groß. Ich will doch bloß spazieren. Was wollen die von mir? Hey, was soll das? Lassen Sie mich los! Ich habe nichts getan. Ich will nur gehen. Wieso laufen die Frauen mir hinterher. Ich muss mich verstecken. Nein, ich muss zum Bus. Ich will nach Hause.
Aber hier wohne ich doch nicht. Ich will zu meiner Mama. Äh nein, zu meiner Tochter. Meine Mama lebt ja schon nicht mehr. Anita hat gestern angerufen. Ich weiß nicht, warum die Leute sie nicht mögen. Anita ist ganz nett. Morgen wollen wir Kaffee trinken bei mir in der Wohnung.
Wo muss ich denn nur hin? Ich gehe jetzt nach Hause. Ach, meine Wohnung ist ja weg. Ich muss mir eine neue Wohnung suchen. Wo soll ich denn nur heute Nacht schlafen? Oh Gott. Ich habe solche Angst. Wo ist meine Tochter? Ich hab doch auch gar kein Geld, keine Schlüssel. Aber ich habe meine Schuhe mit. Die kann ich verkaufen und dann gibt mir jemand Geld. Dann kann ich Essen kaufen.
Sabina arbeitet noch. Sie wollte ja heute kommen. Sie sucht mich gleich. Ich muss jetzt zu ihr und ihr das sagen, dass ich mir jetzt eine neue Wohnung suche. Wo bin ich hier? Das ist gar nicht Iserlohn. Dortmund? Das ist doch nicht Dortmund! Das ist hier die Straße nach Dortmund, aber ich bin in Iserlohn. Ich suche mir eine Wohnung in Letmathe, dann bin ich schnell bei meiner Enkelin in Essen. Aber wo schlafe ich heute Nacht? Wo bin ich hier? Wo muss ich hin? Die Häuser kenne ich nicht.
Warum gehen diese Frauen jetzt nicht? Woher kennen die meinen Namen? Ich kenne diese Frauen nicht. Ich muss zum Geburtstag. Verschwindet endlich! Euch zeig ich es jetzt. Ach du meine Güte! Da ist ja die Polizei. Was wollen die? Weil da gerade rot war? Das habe ich doch nicht gesehen. Ich habe doch nichts gemacht. Wo ich wohne? Nirgends, ich suche jetzt eine Wohnung. Wie ich heiße? Kristine. Was wollen Sie von mir? Habe ich ein Verbrechen begangen? Habe ich geklaut? Nein, warum lassen Sie mich dann nicht gehen? Weggelaufen? Was? Ich kenne diese Frauen doch überhaupt nicht. Geht doch alle weg. Lasst mich in Ruhe. Wer ist denn jetzt diese Frau da? Ich kenne die doch. Die langen Haare. Das ist ja meine Enkelin. Ach, wie schön. Sie hat mich gehört, wie ich sie gerufen habe. Wir haben uns so lange nicht gesehen. Kommt sie jetzt wegen mir aus Essen? Hurra, jetzt können wir endlich nach Hause fahren. Mhm, dann holen wir ein leckeres Stück Kuchen. Nein, einen Berliner vom Bäcker. Wieso können wir nicht fahren? Und wo ist Mama? Kommt Mama nicht? Ach da ist sie. Sie soll weg gehen. Kann sie mit ihrem Freund in meiner Wohnung wohnen. Ja, soll sie nur meine Rente nehmen. Schatz, gib deiner Mama eine Jacke, ihr ist kalt. Sie hat doch nur ein T-Shirt an.
Ein Krankenwagen. Warum kommt der? Ist jemand krank? Ach wie nett, die bringen mich jetzt nach Hause. Du kannst gehen mein Schatz, die werden mich jetzt fahren. Nein, du kommst nicht mit. Ich gehe alleine mit denen. Die werden mich jetzt nach Hause fahren. Warum weint die Frau da? Ich kenne sie nicht. Aber sie ist lieb. Bestimmt ist ihr Mann gemein. Wo ist deine Mama, mein Schatz? Sag ihr ich gehe jetzt mit denen. Und du gehst mit Mama.

November
Wo bin ich hier? Eine Klinik? Hier bin ich schon seit Wochen. Es reicht mir jetzt. Ach, nun ist mir ein Licht ausgegangen! Das ist ein Haus. Ok. Ich spreche mit dem Arzt. Was habe ich? Achso. Aber ich mache doch alles alleine. Ich bin eine erwachsene Frau von 76 Jahren. Ich möchte jetzt gehen. Ich muss mir endlich eine Wohnung suchen. Wieso halten Sie mich fest? Mir geht es gut. Ich habe nichts. Ich will gehen. Seit gestern? Nein, ich bin schon seit Wochen hier. Nein, die Tablette nehme ich nicht. Ich bin gesund. Sie wollen mich hier vergiften. Verschwinden Sie. Das ist ein Gefängnis. Sie lügen. Alle lügen. Ich bin doch nicht von heute.
Nein, ich will nicht duschen. Ich habe mich heute Morgen schon gewaschen. Meine Kleidung ist frisch. Und hier dusche ich mich sowieso nicht. Ich bleibe hier nicht. Ich verstehe das alles nicht. Wo ist meine Tochter? Ich habe Angst. Wo ist meine Enkelin. Die suchen mich doch. Oh Jesus. Wo ist meine Tochter? Sie wartet auf mich. Essen? Ok, ich komme mit. Nein, die Tablette nehme ich nicht. Nur das Essen. Ja, das mag ich. Mmh. Und ein Joghurt. Ach schau, die kennen ja alle meinen Namen. Wie nett. Schön ist es hier. Oh und einen Pudding bekomme ich auch. Fein. Meine Mama hat auch immer Pudding gekocht. Nein, Obst mag ich nicht. Nur die Äpfel aus Ostpreußen sind gut. Die hier sind doch alle gespritzt. Danke für das Essen, aber jetzt muss ich gehen. Ich kann leider nicht länger bleiben. Mein Bus kommt in ein paar Minuten.
Warum sind die Türen zu? Die Tür ist auch zu. Lasst mich raus. Ich muss zum Bus. Nein, ich werde mich nicht beruhigen. Ich habe nichts getan. Ich will jetzt endlich gehen. Wo bin ich hier? Eine Klinik? Das ist doch keine Klinik. Oh Gott, ich bin im Gefängnis. Ich habe so Angst. Ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe nichts mehr. Wo bin ich?


Dezember
Das sind ja meine Sachen. Wie kommen die hier her. Schnucki, wann hast du meinen Sessel hierhin gebracht? Musst du gar nicht arbeiten? Wo ist denn Mama? Ach ja, wieder arbeiten. Guck mal da, mein Fernseher. Meine Cds. Das gibt’s ja gar nicht. Hier ist es gemütlich. Und was machen wir hier? Oh ja, Kuchen ist gut. Was für Kuchen? Mhm. Berliner. Und wo ist Mama? Ach ja ja, arbeiten. Aber sie kommt gleich? Das ist schön. Ich muss Pippi. Wo muss ich hin? Hier ist ja nur ein Bett. Du hast ja ganz kalte Hände. Musst du auch Pippi? Deswegen gehen wir zusammen! Die Leute werden denken, dass ich deine Tochter, ach, Enkelin bin. Haha. Weil du ja so groß bist und meine Hand hältst. Aber du hast kalte Hände. Nicht das du erkältet bist. Wohin gehen wir? Ach ja, zur Toilette. Aber du wartest, ja? Nicht einfach weggehen. Bist du noch da? Hallo? Achso, ich hab dich nicht gehört. Ich bin gleich fertig. Wieso soll ich denn jetzt meine Zähne putzen? Ich putze die jeden Tag. Gehen wir dann nach Hause?

Wo warst du solange? Ich habe dich so vermisst. Immer wenn du weg bist, dann bin ich ganz alleine. Und dann muss ich weinen. Und zu essen geben die mir nichts. Na, der Teller ist doch nicht von mir. Den hat eine Frau hier stehen gelassen. Hier kommen immer Fremde in mein Zimmer. Und ein Mann schubst immer ganz feste. Ich bin so glücklich, dass du da bist. Was werden wir jetzt machen. Weihnachten? Aber wir haben doch Mittwoch. Achso. Und wo ist Mama. Jetzt? Dann komm! Ich freu mich, dass wir zu Mama gehen. Warum eine Jacke, draußen scheint die Sonne! Winter? Deswegen trägst du einen Schal. Muss ich auch einen anziehen? Ok. Fahren wir mit dem Auto? Juhu. Tschüß zusammen und frohe Ostern. Ich fahre jetzt zu meiner Tochter, die hat heute Geburtstag. Meine Enkelin fährt mich. Und dann fahren wir nach Hause.

Januar
>>Guten Tag, Joswig mein Name. Ich wollte gerne meine Mutter Kristine besuchen.“
>>Hallo, da wird sie sich aber freuen. Die sitzt gerade im Aufenthaltsraum.<<
>>Super. Wie geht’s ihr denn?<<
>>Heute ist sie gut drauf.<<
>>Ach schön. Will sie denn noch immer gehen?<<
>>Ja klar, aber an sich hat sie sich schon toll eingelebt. Sitzt auch allmählich mit den anderen beisammen, scherzt mit den Pflegern. Und das sie gehen will ist ja normal und wird vermutlich auch bleiben. Das ist einfach ein Symptom ihrer Demenz.<<